“Die Frauen und der Priester schnitten dann der Leiche Haarlocken und Schnipsel von den Finger- und Zehennägeln ab… Später ging dann das Gerücht, der Priester hätte mit der Leiche seiner Mutter das gleiche gemacht.” Diese Berichte lassen die Vorsichtmaßregeln erkennen, die von den Erben getroffen wurden, um zu verhindern, daß die Toten das Glück mit aus dem Hause nähmen [...] Man hütete sich, die Leiche zu waschen, um nicht damit irgendwelche an der Haut und dem Schmutz des Toten haftenden kostbaren Substanzen zu tilgen. Von ähnlichen Sitten hat in seiner “Esquisse d’une théorie de la pratique” (Genf, 1972) Pierre Bourdieu aus der Kabylei berichtet: Auch die Kabylen treffen mißtrauisch Vorsorge, daß nicht die Leiche das “baraka” (den Segen) des Hauses, aus dem sie kommt, mit ins Grab nähme.
Emmanuel LeRoy Ladurie: Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor. Aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Peter Hahlbrock. Frankfurt am Main, 1983, S.63.
Wohlgemerkt - das ist noch nichts Katharisches, sondern der mehr oder wenige “normale” Katholizismus der Zeit und der Region.
Das Bourdieu-Buch in dt. Übersetzung könnte man übrigens auch mal langsam besorgen; es lässt sich nur in der UB finden - gebraucht weder bei Abebooks noch bei Amazon - und hat seit 1978-79 scheinbar keine einzige Neuauflage erfahren. Oder ist es später unter irgendeinem wilden deutschen Titel erschienen, der mir nicht bekannt ist? De Certeau behauptet, dass bereits nach der ersten französischen Ausgabe die Zeile “précédée de trois études d’ethnologie kabyle” aus dem Titel verschwunden ist, warum sollten die späteren deutschen Ausgaben denn nicht, na, z.B. “Wie ich den Theorieknüller schlechthin landete” oder “Darum mag mich Sylvia” betitelt sein.